Kurzmeldung street view

In der taz hab ich jetzt gelesen: Die tschechische Republik hat Google street view untersagt, weitere Aufnahmen von tschechischen Straßen zu machen. Zumindest vorläufig. Sie wollen erst prüfen, ob das alles mit ihren Landesgesetzen übereinstimmt.

Na ja. Die werden sich dem Fortschritt der Technik auch nur vorübergehend in den Weg stellen können.

Aber ich frag mich die ganze Zeit, weshalb diese Computerfirma Google das überhaupt macht. Die machen sich doch überall nur unbeliebt, wenn sie überall die Straßen und Häuser fotografieren wollen. Viele Menschen haben einfach Angst um ihre Privatsphäre.

Dabei ist das ja noch harmlos. In der Wochenzeitung „Die Zeit“ stand neulich, was noch alles in Arbeit ist. Zum Beispiel ein Computerprogramm, das Gesichter lesen kann und dazu dann alles aus dem Internet abruft, was über dieses Gesicht bekannt ist.

Das heißt, ich gehe in ein Geschäft, und der Verkäufer könnte dann in Sekundenschnelle aus dem Netz abrufen, was dort über meine Einkaufsgewohnheiten zu erfahren ist.

Oder er könnte Deine Körpersprache filmen und mit einem anderen Programm herausfinden, was du für ein Menschentyp bist und wo Deine Schwachstellen liegen, um dich entsprechend übers Ohr hauen zu können. Alles zwar noch Zukunftsmusik, aber sie arbeiten dran.

Die schöne neue Konsumwelt: Der gläserne Mensch wird Wirklichkeit. Aber was hat das alles jetzt mit dem Fotografieren von Häusern zu tun?

Das stand auch in dem Artikel. Die Zeit hat mit einem Fachmann in den USA gesprochen, der ein wenig aus der Schule geplaudert hat. Google hat eben die Zeichen der Zeit erkannt.

Dass die Menschen die Straßen und Häuser einer andern Stadt sehen wollen?

Nein, du musst anders fragen: Womit verdient Google Geld?

Das ist ja eine Suchmaschine, wo man im weltweiten Netz Begriffe suchen kann. Und dazwischen gibt’s Werbung zu sehen. Damit verdienen sie was.

Aber der Trend geht dahin, dass die Leute mehr und mehr vom Mobiltelefon aus ins Netz gehen und immer weniger von den sperrigen Computern. Und auf so ein Handy, da passt nicht soviel Werbung drauf.

Schlecht für Google.

Genau. Denn Google ist am Handygeschäft bisher gar nicht beteiligt. Und genau das wollen sie ändern. Sie entwickeln eine eigene Handylinie und wollen dann dort weiter Werbeflächen verkaufen.

Und wie wollen sie in diesem umkämpften Markt plötzlich Fuß fassen?

Jetzt bist du ganz nah dran. Hier kommt jetzt nämlich dieser sogenannte street view zum Einsatz. Damit will Google ein Navigationssystem für Fußgänger anbieten, sozusagen als Lockmittel.

Ah, ich beginne zu verstehen. Und wenn du dann damit rumläufst, dann kriegst du gleich die Werbung der Geschäfte aufs Telefon, an denen du gerade vorbeiläufst. Und dafür nehmen die den ganzen Ärger auf sich, damit sie langfristig im Geschäft bleiben.

Jetzt hast du’s kapiert. Geht um drei Ecken rum, aber ist irgendwie spannend, weil es zeigt: Wir Normalbürger, wir Konsumenten meinen zwar, wir könnten über unser Leben in allen Details selbst entscheiden.

Aber ein Heer von schlauen Köpfen ist längst dabei, hinter unserem Rücken die nächsten und übernächsten Trends zu produzieren. Google ist da nur ein Beispiel von vielen. Das Kapital sucht sich die bestmögliche Rendite. Der Konkurrenzkampf der großen Konzerne wird dabei sozusagen auf unserem Rücken ausgetragen, und wir verstehen immer nur winzige Teilaspekte von dem, was die mit uns noch alles vorhaben.

Und wenn du dir jetzt vorstellst, diese riesige Zahl an gutbezahlten schlauen Köpfen, die könnten ihren Verstand darauf richten, wie man den Hunger in der Welt besiegen kann oder die Armut oder die Seuchengefahr, wie man die Massentierhaltung beenden könnte und den Fleischkonsum verringern – da sähe doch die Welt im Nu anders aus.

Ja: Was ist wirklich wesentlich auf dieser Welt? Und in unserem Leben? Worauf richten wir unsere Energie? Womit beschäftigen wir uns? Was ist uns wichtig?

Wer sich diese Fragen ernsthaft stellt und danach handelt, der kann etwas bewirken. Und er ist den Konzernen immer einen Schritt voraus.