Redeentwurf des bekannten Kirchenkritikers Prof, Hubertus Mynarek:

Meine sehr verehrten Damen und Herren, meine hochgeschätzten Vertreter aller Nationen, Ihr Menschen in allen Ländern der Erde! Ich trete heute als Papst Benedikt XVI vor die Vollversammlung der Vereinten Nationen, um Ihnen ein ganz besonderes Geschenk zu machen, ja, Ihnen, geradezu die größte Gabe zu übermitteln, die Sie sich im Rahmen Ihrer Regierungstätigkeiten überhaupt vorstellen können. Ich erkläre Ihnen hiermit kraft meines unfehlbaren Amtes, das mir Gott selbst verliehen hat, feierlich meine Bereitschaft, die Alleinregierung der Welt zu übernehmen.

Sie werden im ersten Moment vielleicht überrascht sein. Aber bedenken Sie doch, welche Vorteile auch für Sie mein großartiger Vorschlag erbringt. Es wäre Schluss mit Ihren endlosen Debatten, die meist zu keinem praktikablen Resultat führen und nur die Budgets der Völker belasten. Wir aber würden bei jedem anstehenden Problem verkünden, was Sache ist, und alle müssten sich sagen: »Roma locuta, causa finita!« Die ganze Kosten- und Zeitverschwendung, verursacht durch Ihre nicht vom Hl. Geist erleuchteten Weltkonferenzen, Weltkongresse, Vollversammlungen et cetera pp. wäre mit einem Schlag vom Tisch. ...

Ja, meine Damen und Herren, ein wunderbarer, absolut einheitlich-uniformer Frieden für alle Nationen, für die ganze Welt wäre das Resultat, wenn Sie sich bereit erklärten, Ihre Geschichte in Unsere Hand zu legen, auf Ihre ohnehin vom Geist Gottes kaum erleuchteten Verstandeskräfte zu verzichten und unbedingten Gehorsam Unseren Anweisungen gegenüber einzuhalten. Dieser Frieden, diese neue von Uns diktierte Harmonie mag manchem von Ihnen langweilig, monoton erscheinen, aber sie ist besser als die grenzenlose, letztlich unbeherrschbare Vielfalt, die aus der Freiheit entspringt und am Ende stets zum Chaos führt. Wir wissen, wovon wir reden, denn wir haben eine fast 2000 Jahre alte Erfahrung bezüglich dieser Dinge. Im Vergleich zu dieser Erfahrung stecken Sie mit Ihrer Organisation noch in den Kinderschuhen!

Und ich mache Ihnen, ehrwürdige Vertreter der Völker der Welt, noch eine weitere Freude. Sie brauchen sich nämlich nicht einmal darum zu kümmern, wie diese unter meinem Kommando stehende Weltregierung aussehen wird, wer zu ihr gehört, wer sie konstituieren soll. Alles schon erledigt! Meine höchsten Beamten im Vatikan, die ja bereits seit langem die Geschicke der Weltkirche leiten, werden unter meiner Führung auch die Schicksale aller Menschen, aller Völker lenken und zu deren Wohl steuern. Und dies eine weitere Erleichterung für Sie alle, meine Damen und Herren: Wir verfügen über eine Armee von über 400.000 Priestern und Mönchen sowie von über einer Million Nonnen, die über die Ausführung, die Exekution unserer Regierungserlasse und Dekrete in aller Welt genauestens wachen werden. Aber damit nicht genug. Wir haben auch eine elitäre Geheimorganisation, nämlich Opus Dei, also das »Werk Gottes« selbst, das eine noch höhere, übergeordnete Überwachungsinstanz unserer Anordnungen darstellt, indem es auch noch diese Armee der Wächter kontrollieren wird. Es wird nichts geben, was diesem Kontrollgremium entgeht. Alle Terroristen dieser Welt, alle Aufrührer und Verschwörer werden sich vor uns fürchten. Ja, es wird dann Gewalt und Terror auf die Dauer gar nicht mehr geben, weil aller Einzelterror, alle Einzelgewalt dem einen umfassenden, monolithischen Terror, sprich: der sanften Gewalt Unserer Herrschaft weichen wird.

Glauben Sie ja nicht , dass Wir zu viel versprechen. Wir machen das ja keineswegs zum ersten Mal. Unsere Inquisitionskommandos, rekrutiert aus Dominikanern und Franziskanern, Jesuiten und anderen Ordensleuten haben schon einmal in Mittelalter und anbrechender Neuzeit Ordnung geschaffen. Das ging nicht ohne Opfer, es mussten dabei Köpfe rollen und Leiber brennen, aber das war der Preis für die grandiose Totenstille, die das Attribut jeder von uns errichteten Ordnung ist.

Rümpfen Sie, meine Damen und Herren, jetzt bitte nicht die Nase über unsere Methoden der Herbeiführung von Ordnung. Seien Sie lieber ehrlich und geben Sie zu, dass Sie angesichts der komplizierten Verhältnisse in Ihren Staaten, Ihren Völkern und der Schwierigkeit, in ihnen Ihre Herrschaft zu bewahren, ganz gern Ihre Demokratie durch unsere Hierarchie und Oligarchie ersetzen würden. Oft ist ja Ihre Demokratie nur eine Demokratur, eine Diktatur hinter demokratischer Fassade. Da sind Wir, die katholische Kirche, doch noch ehrlicher. Von vornherein sagen Wir, dass bei Uns nichts vom dummen, ungebildeten Volk ausgeht, dass alles von oben nach unten, nicht von unten nach oben, geregelt wird, dass der neue Papst vom alten Papst bestimmt wird, indem dieser zu Lebzeiten die Kardinäle ernennt, die nach seinem Tod nach seinen Vorgaben den neuen wählen und bestimmen. Eine großartige Herrschafts- und Wahlform, die wir nun der UNO aufstülpen werden!

Sie, meine Damen und Herren, wissen doch selbst, wieviele Dinge, die Sie in Ihrer Regierungsarbeit tun, sich an der Grenze der Legalität bewegen, ja nicht selten diese Grenze überschreiten. Sie werden also von uns lernen müssen, von unserer Kunst einer jahrhundertelang geübten und immer weiter perfektionierten Diplomatie, unserer Art der besänftigenden und salbungsvollen Gesten und Reden, des jovialen, leutseligen Umgangs mit den Massen, um sie zu verdummen und zu verarmen, ohne dass sie es merken, ja wofür sie sogar noch dankbar sind. Nur wir sind die Institution, die über eine zweitausendjährige Psychologie der Macht, eine Psychologie und Soziologie der Menschenführung und Massensuggestion verfügt, wie sie keine andere Einrichtung vorweisen kann. Und diese unsere psychologische Kunst der Machtausübung stellen wir Ihnen, Politikern aller Couleur auf unserem Planeten, zur Verfügung. Tiefste Dankbarkeit sollte Sie deshalb gegenüber der Kirche erfüllen!

Glauben Sie mir, auch mir als jungem Intellektuellen und Kenner der Religionsgeschichte ist seinerzeit die Einsicht böse aufgestoßen, dass Kirche ja die primitivste Form von Religion ist, dass sie nur ein Macht- und Profitbeschaffungsinstitut unter dem Deckmantel der Religion darstellt. Aber ich erkannte auch, dass gerade so eine Kirche der Primitivität die beste Indoktrinations-, Dressur- und Zuchtanstalt für die Massen ist, die doch auch Sie als Politiker gern beherrschen möchten. Wie sehr sehne ich mich persönlich bisweilen nach einer höheren Form von Spiritualität und Religiosität, wie sie die Kirche eben nicht bieten kann. ...

Sie und Ich, meine Damen und Herren, wissen ja am besten, was für ein schmutziges Geschäft die Politik oft ist und wie schnell man sich in diesem Geschäft selber die Hände schmutzig macht. Und gerade deswegen bringt Ihnen die Übernahme der Weltregierung durch die Kirche einen weiteren Vorteil. Sie können nämlich alle Schuld, die Sie im Rahmen Ihrer politischen Aktionen und Geschäfte auf sich geladen haben, bei Uns abladen, und zwar in der Beichte vor Unseren Priestern, die das wunderbare Instrument der Absolution, der Verzeihung der Sünden kraft der vergebenden Macht Gottes selbst in ihrer Hand halten. Spätestens jetzt sollte Sie eine mächtige Welle der Dankbarkeit durchfluten, denn von nun an können Sie politisch viel lockerer, ungehemmter, bedenkenloser agieren. Alle Schuld, die Sie sich dabei einhandeln, wird Ihnen ja im Bußsakrament von der Kirche wieder abgenommen.

Natürlich gibt die Kirche nichts, ohne zu nehmen. Aber was sie in diesem speziellen Fall nimmt, ist im Grunde eine Kleinigkeit. Zunächst beichten Sie uns Ihre schmutzigen Aktionen und Transaktionen, die wir Ihnen großmütig und großzügig vergeben. Das ist unser Geben! Aber mit Ihrer Beichte liefern Sie uns schon aus Dankbarkeit ganz offen und rückhaltlos Informationen über Ihre Geschäftspartner, die Konzerne, Banken, Großunternehmen. Industriezweige, Medien, Verlage, Redaktionen etc., so dass Wir dann mit diesen Kontakt aufnehmen, sie in Unserem Sinn bearbeiten und beeinflussen, wenn nötig unter Druck setzen können. Eine phantastische Möglichkeit harmonischer Zusammenarbeit mit allen politisch, ökonomisch, technologisch und medial relevanten Kräften ergibt sich auf diese genial einfache Weise des Gebens und Nehmens!

Als Weltregierer würde ich der Organisation der Vereinten Nationen noch ein weiteres Geschenk machen: Unsere einzigartige Moraldoktrin. Sehen sie, keine Institution, keine Organisation kann auf die Dauer ohne solch eine Doktrin, ohne eine, sagen Wir, Ideologie in ethischer Verkleidung auskommen. Sie werden an dieser Stelle vielleicht aufbegehren und darauf hinweisen, dass die katholische Kirche hier beträchtliche Defizite aufweist, dass sie noch nicht einmal die Europäische Konvention der Menschenrechte und die diesbezügliche Konvention der Vereinten Nationen unterzeichnet hat, dass sie menschen- und völkerrechtlich hinter einigen anderen Religionen und Weltanschauungsgemeinschaften hinterher hinkt, dass sie den Frauen keine Gleichberechtigung, den Tieren keine Rechte, den Laien in der Kirche keine höheren Funktionen zuerkennt, dass sie in jedem Konfliktfall zwischen Klerus und Laien, insbesondere in dem besonders schmerzlichen Fall des häufigen sexuellen Missbrauchs von Kindern und Jugendlichen durch Priester, praktisch immer auf Seiten der letzteren steht und die Opfer klerikaler Gewalt im Regen stehen lässt, Zahlungen an diese höchstens dann leistet, wenn sie durch staatliche Gerichte dazu gezwungen wird.

Aber sehen Sie, dieses ganze unschöne Kapitel wird sofort beendet sein, wenn Wir die oberste Regierung der Welt übernehmen. Was Sie soeben als Unrecht bezeichnet haben, wird dann allgemeines Recht, universale Gesetzgebung sein, und alle diesbezüglichen Probleme werden somit aufgehört haben, zu existieren. Wir brauchen dann diese ganzen, Uns an den Pranger stellenden Menschenrechtskonventionen gar nicht mehr. Sie werden Makulatur sein. Bedenken Sie, was für ein gewaltiger bürokratischer und administrativer Aufwand auf diese Weise wegfiele. ...

Der Gang Gottes durch die Geschichte kann ... manchmal grausam erscheinen und sehr viel Geduld von uns verlangen, aber am Ende führt seine Vorsehung alle Dinge auf das rechte Gleis. Zwar hat sich vor Uns schon einmal einer immer wieder auf die Vorsehung berufen. Aber die Berufung dieses Unseligen auf sie war natürlich ein dämonischer Irrtum, der Uns auf Grund Unserer Unfehlbarkeit gar nicht passieren kann. Trotzdem hat sich die wahre Vorsehung auch dieses Unseligen bedient, sonst hätten wir nicht das wunderbare Konkordat, den Staatskirchenvertrag, den Wir mit ihm geschlossen haben, der bis heute in weiten Teilen gültig ist und der der Kirche so viele Privilegien, auch seitens des heutigen deutschen Staates, der heutigen deutschen Politiker sichert und beschert.

Und so muss es auch bleiben. Das Modell der großzügigen Privilegien und Geldzuwendungen, mit denen die Kirche auf Grund dieses Konkordats seitens des deutschen Staates bedacht wird, sollte auch für die UNO gelten. Über den Daumen gepeilt (die genauen Berechnungen würden Wir in Bälde präsentieren), verlangen Wir, dass 90 Prozent aller Einnahmen dieser Organisation der Kirche zu Gute kommen, konkret in die Vatikanbank fließen, deren Name („Bank für religiöse Angelegenheiten“) schon dafür bürgt, dass die hier hereinkommenden Gelder nur für absolut einwandfreie Zwecke ausgegeben werden. Lediglich böse Zungen können behaupten, dass die Calvi-, Banco Ambrosiano-, Sindona-, Marcinkus-Affären usw. den guten Ruf der Vatikanbank endgültig zerstört hätten. Es bleibt dabei: Man kann Uns auch in finanzieller Hinsicht absolut vertrauen! Das Geld der Vereinten Nationen wird bei Uns in guten Händen sein. ...

Allen reaktionären Kräften auf unserem Planeten, allen Hütern der bestehenden Unordnung in allen Staaten der Erde rufe ich feierlich zu: Geben Sie all Ihre Macht zuversichtlich in Unsere Hände. Wir sind stets kapitalismuskonform, stets systemkonform, je nach Bedarf demokratie- oder diktaturkonform. Wenn der Gewinn, der Profit und aller Art Vorteile für Uns garantiert sind, marschieren wir immer solidarisch mit. Wir haben mit dem größten Geldgeber der UNO, den USA, die revolutionäre Befreiungsbewegung in Südamerika, auch die Theologie der Befreiung der Armen, zerschlagen bzw. bis zur Bedeutungslosigkeit reduziert. Wir haben die Solidaritätsbewegung in Polen wiederum mit Hilfe der USA unterstützt und zu ihrem Sieg über den Kommunismus geführt. Sie sehen, Wir schaffen alles, wenn man Uns die nötigen Mittel gibt. Sie sind bei Uns in den besten und sichersten Händen. Ich segne Sie alle als „König der Erde“ (so wird jeder Papst bei seiner feierlichen Krönung tituliert) im Namen des Allmächtigen des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes.